© Antonio Olmos /eyevine  Sie ruft auf zur Unterstützung jener islamischen Kräfte, die reformwillig sind: Ayaan Hirsi Ali

Kurzinterpretation von Regina Mönch

Regina Mönch

Korrespondent/in (Rh)

Geboren am 1. Januar 1953 in Pirna. Studium der Journalistik in Leipzig, Sozialtherapie an der Humboldt-Universität Berlin. Von 1974 bis 1984 Reporterin bei der Wochenzeitung „Für Dich“, danach Gerichtsreporterin der Jugendzeitschrift „Neues Leben“. Zwischen 1989 und 1991 Reporterin und Redakteurin bei verschiedenen alternativen ostdeutschen Zeitungen, danach Redakteurin beim Berliner „Tagesspiegel“. 1997 Preis der Kinder- und Familienstiftung, 1998 „Emma“-Journalistinnenpreis. Seit 1. August 1999 Feuilletonredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

 

Ihre Analyse der Hemmnisse für eine Reform, die der Islam in sich trägt, ist kurz und bündig:

Der Koran als letztgültiges Gotteswort brauche eine historisch-kritische Interpretation wie die heiligen Bücher der anderen großen Religionen, die sich vom Islam nicht nur dadurch unterscheiden.

Zweitens müsse die Überhöhung des Jenseits als Lebensziel durch ein anderes Menschenbild ersetzt werden. Die Jenseitsverklärung nütze nicht nur todbringenden Milizen, sondern fördere auch fortschrittshemmenden Fatalismus gegenüber dem irdischen Leben.

Die Scharia, die sich über geltendes Recht stelle, ermögliche Menschenrechtsverletzungen, und die erstickenden Regeln für den Alltag diskriminierten nicht nur Frauen, sondern auch Andersgläubige und Minderheiten wie Homosexuelle.

Schließlich bremse das Konzept des Dschihad.

Die Reformthesen Hirsi Alis zielen darauf ab, diese antimodernen Konzepte so abzuwandeln, dass sie muslimisches Leben „mit der Welt des 21.Jahrhunderts“ versöhnen.

Hirsi Ali:

Der Dschihad bedroht das islamische Haus

 

Nach dem Arabischen Frühling wird eine Reform des Islams kommen, sagt Ayaan Hirsi Ali. In ihrem neuen Buch erklärt sie ihren Optimismus. Und warum es dafür Dissidenten braucht.

 

Der Islam ist keine Religion des Friedens. Das ist einer dieser Sätze, die in dem zumeist ruhig argumentierenden Text ab und an aufblitzen. Klare Ansagen, die niemand anders verstehen soll als eine Aufforderung zur öffentlichen Debatte über den Islam und seine Reformierbarkeit. Denn die Zeit drängt, auch weil die mit dieser Religion legitimierte Gewalt zunimmt, weil der Dschihad endgültig als Gefahr ins Bewusstsein des Westens gedrungen ist und das einfältige Argument, die meisten Muslime seien doch ganz anders, nämlich friedlich, diesen sich ausbreitenden „Heiligen Krieg“ weder erklärt noch eindämmen wird. Ayaan Hirsi Ali lässt keinen Zweifel daran, dass die Zeit nun drängt, und sie ruft uns auf, die Zeichen, die für eine Reform, ja eine Reformation des Islams sprechen, richtig zu deuten und endlich jene zu ermutigen, die sich längst auf den Weg dahin gemacht haben, nicht selten unter Lebensgefahr.

In ihrem neuen Buch „Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss“ holt Hirsi Ali weit aus und widmet ganze Kapitel der islamischen Geschichte. Deren Kennern mag das überflüssig erscheinen, aber vielen dürften die Fakten unvertraut sein. Hirsi Alis Ausführungen zur scheinbar unauflösbaren Verquickung von „Moschee und Staat“, zum Leben Mohammeds, zur Prophetenverehrung oder zur Entstehung des Korans, zur Scharia und zur muslimischen Lebensart dienen einzig ihrer Grundthese, wonach der Konflikt zwischen Gewissen und Glauben, zwischen Moderne und tradierten Glaubens- und Verhaltensregeln, in dem so viele Muslime gefangen sind, anders als mit einer globalen Erneuerungsbewegung nicht zu lösen ist. Die Autorin ist überzeugt davon – und führt jede Menge Hinweise dafür an –, dass sich viele Muslime und auch jene, die nur in diese Kultur hineingeboren sind, danach sehnen, „die letztlich unerträglichen Anforderungen dieser Ideologie infrage zu stellen“.

Gilt vielen, vor allem Intellektuellen im Westen, der Arabische Frühling längst als gescheitert, so sieht Ayaan Hirsi Ali in dieser Massenbewegung immer noch die große Hoffnung. Sie habe bewiesen, dass islamische Gesellschaften das Potential zur Erneuerung hätten. Die Arabellion habe einen Prozess in Gang gesetzt, der durchaus in eine islamische Reformation oder „islamische Renovierung“ münden könne. Hirsi Ali glaubt nicht, dass deren Erfolg allein davon abhängt, dass ihn nur möglichst viele Muslime tragen.

Sie appelliert darum immer wieder an die aufgeklärte nichtmuslimische Weltgemeinschaft, Muslime dabei zu unterstützen und zu erkennen, dass der Aufstand gegen die Despoten der arabischen Welt längst übergegangen ist in einen anderen Konflikt:

Den Islam mit der Moderne versöhnen

Der wird zwischen jenen ausgetragen, die die Unvereinbarkeit des Islams mit der Moderne bis zum bitteren Ende verteidigen wollen (der „Islamische Staat“, Boko Haram, die Taliban, Al Qaida oder islamistische Milizen wie Al Shabab), und jenen, die ihren Glauben neu definieren wollen. Noch scheinen die Kräfte ungleich verteilt, bleibt vielen Oppositionellen nur die Flucht ins Ausland, haben viele für ihre Ideen – das Buch ist reich an bewegenden Beispielen – mit dem Leben bezahlt. Aber warum sollte man sich nicht Religionskritikern wie Ayaan Hirsi Ali anschließen, die zuversichtlich daran glaubt, dass der erfolgreichen Weigerung, sich korrupten, unfähigen weltlichen Machthabern zu unterwerfen, dereinst „eine generelle Weigerung folgen wird, sich auch der Autorität der Imame, Mullahs, Ajatollahs und der Ulama zu unterwerfen“?

Sie stellt fünf Thesen auf, wie eine solche „Reformation“ in Gang gesetzt werden könnte, und vergleicht dieses Projekt mit seinem historischen Vorbild, der lutherischen Reformation. Was damals der Buchdruck dazu getan habe, so Hirsi Ali, verbreite sich heute über das Internet und ähnliche technische Revolutionen. Die brutalen Terrormilizen machen es ja vor. Hirsi Ali stellt immer wieder klar, sie wolle mit ihrem Buch, das sie ihr optimistischstes nennt, nicht in theologische Dispute mit der ganzen gelehrten Welt treten. Aber es soll als Streitschrift verstanden werden, als Aufforderung, sich der Realität der muslimischen Welt endlich zu stellen: Wir könnten es uns nicht mehr leisten, die Bereitschaft zum Wandel zu übersehen. Dieses Buch, betont sie, sei darum auch an westliche Liberale gerichtet, an jene, die sich tolerant glauben, aber die Intoleranz der Orthodoxie unterstützen.

Ihre Analyse der Hemmnisse für eine Reform, die der Islam in sich trägt, ist kurz und bündig:

Erstens: Der Koran als letztgültiges Gotteswort brauche eine historisch-kritische Interpretation wie die heiligen Bücher der anderen großen Religionen, die sich vom Islam nicht nur dadurch unterscheiden.

Zweitens: Die Überhöhung des Jenseits müsse als Lebensziel durch ein anderes Menschenbild ersetzt werden.

Die Jenseitsverklärung nütze nicht nur todbringenden Milizen, sondern fördere auch fortschrittshemmenden Fatalismus gegenüber dem irdischen Leben. Die Scharia, die sich über geltendes Recht stelle, ermögliche Menschenrechtsverletzungen, und die erstickenden Regeln für den Alltag diskriminierten nicht nur Frauen, sondern auch Andersgläubige und Minderheiten wie Homosexuelle. Schließlich bremse das Konzept des Dschihad. Die Reformthesen Hirsi Alis zielen darauf ab, diese antimodernen Konzepte so abzuwandeln, dass sie muslimisches Leben „mit der Welt des 21.Jahrhunderts“ versöhnen.

Kritik am kraftlosen Relativismus

Ayaan Hirsi Ali schreibt über die Zustände und Umstände des Islams seit fast anderthalb Jahrzehnten. Für ihre deutliche Kritik hassen sie die einen und bedrohen ihr Leben, während andere sich darin gefallen, die schwere Kindheit und Jugend der Autorin dafür verantwortlich zu machen, dass sie immer schon vor dem gewarnt hat, was inzwischen blutige Realität geworden ist. Ihre biographischen Reflexionen führen uns noch einmal vor, wie blind und feige sich viele, die es besser wissen müssten, an ihrer Kritik abgearbeitet haben. Sie geißelt islamische Frauen-Apartheid, deren Bekämpfung mehr Engagement verdiene in der aufgeklärten Welt, und den „kraftlosen Relativismus“ westlicher Eliten, die Menschen wie sie als öffentliche Ruhestörer diskreditierten, deren Ignoranz Unterdrückung hinnehme und die soziale Kontrolle islamischer Sittenwächter erst ermögliche.

Mutig wie immer durchbricht Hirsi Ali das schematische Muster für Islamismuserklärungen. Sie besteht darauf, dass Extremisten den Islam nicht einfach „gekapert“ haben für ihre unguten Zwecke, sondern dass dieser Religionskrieg ein Teil des unhinterfragten islamischen Großkonzeptes sei, das auch darum eine grundstürzende Reform brauche.

Anders als in der hiesigen Terrordebatte beschreibt sie keine armen Jungen, die, weil perspektivlos und „Opfer des Internets“, dem IS in die Arme getrieben würden. Nein, das sei zu einfach. Sie erzählt von jungen muslimischen Amerikanern aus gutbürgerlichem Haus, in privaten Islamschulen erzogen, die sich voller Überzeugung und aus Verachtung für Freiheitswerte dem Dschihad verschrieben. Darunter der Propagandachef des IS, ein syrisch-amerikanischer Doppelbürger, Elitestudent wie auch eine Wissenschaftlerin vom MIT, die als „Lady Al Qaida“ bekannt wurde und jetzt eine lebenslange Haftstrafe verbüßt. Die Präventionsprogramme in Europa überstehen Hirsi Alis Evaluation allesamt nicht, vor allem macht sie auf eine noch unbekannte Seite der Terroristenwerbung aufmerksam: auf jene muslimischen Jungen, die sich verweigern und darum sogleich „Opfer physischer und virtueller Einschüchterung“ werden.

Zum Schluss zieht Ayaan Hirsi Ali einen kühnen Vergleich zu Dissidenten wie Václav Havel oder Andrej Sacharow, die einen Wandel vorbereiteten, den damals viele für undenkbar hielten. Sie tut dies, um eine lange Liste von Dissidenten des Islams aufzuzählen, die unseren Schutz und unsere Empathie brauchten, auch wenn diese Gruppe noch klein und in vielen Punkten uneins sei: Nur so könne der Islam eine Religion des Friedens werden.

 

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P.Weidlich