Irshad Manji:

Ich habe mich entschieden, nicht den Mund zu halten!

Sie ist die Tochter eines Inders und einer Ägypterin, geboren in Uganda und aufgewachsen in Kanada. Als Kind verbrachte sie so manche Nacht auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Vater auf dem Hausdach und flog wegen ihrer widerspenstigen Fragen aus der Koranschule. Als Fernsehjournalistin und Leiterin von "Queer Television" überlebte sie, dass muslimische und christliche Fundamentalisten gemeinsam gegen sie Front machten. Sie ist eine bekenndend lesbische Feministin – und gläubige Muslimin. Sie nennt sich "Muslim-Refusnik", denn sie weigert sich, den Islam für unreformierbar zu halten. Stattdessen setzt die heute 40-Jährige mit ihren Projekten, darunter ihr 2003 erschienenes Buch "Der Aufbruch – Plädoyer für einen aufgeklärten Islam", auf die "reform-minded Muslims", die sie für "das größte Stück vom muslimischen Kuchen" hält. Die New York Times nennt Manji "Osama bin Ladens größten Alptraum". EMMA traf die Unerschrockene in Köln.

Irshad, eins deiner Projekte heißt Idschtihad. Was genau verbirgt sich dahinter?
Idschtihad ist eine alte islamische Tradition des kritischen unabhängigen Denkens, des Infragestellens, des Debattierens. Und ich versuche zu verbreiten, dass es diese Tradition im Islam gab und gibt. Es gibt so viele junge Muslime und Musliminnen, die sich danach sehnen, diese Tradition wieder zu pflegen.

Und wie setzt du diese Tradition um?
Ein Beispiel: Als ich in Berlin war, um für meinen Film zu drehen, kamen mehrere junge muslimische Mädchen auf mich zu und bedankten sich für ein Dokument, das ich ebenfalls auf meine Website gestellt hatte. Verfasst hat es ein amerikanischer Imam, den ich aufgesucht habe. Ich habe ihm erzählt, dass mir Mädchen immer wieder die Frage stellen, ob es Musliminnen erlaubt ist, außerhalb ihrer Religion zu heiraten. Ihre Eltern und die Imame würden behaupten, das sei verboten. Ich habe diesem Imam erklärt: "Welcher andere Imam würde sich schon darum scheren, dass eine kanadisch-muslimische Feministin mit Stachelhaaren meint, dass es nicht so ist?" Und ich habe ihn gebeten, Itschdihad mit den Versen zu praktizieren, die immer benutzt worden sind, um die interreligiöse Ehe zu verbieten, und diese Verse für eine pluralistische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts neu zu interpretieren. Genau das hat er getan. Diese Neuinterpretation habe ich dann auf meine Website gestellt, wo sie innerhalb von drei Monaten eins der am häufigsten runtergeladenen Dokumente wurde. Wir haben sie in viele Sprachen übersetzt, auch in Deutsch, Türkisch und Arabisch. Und die Mädchen in Berlin haben mir gesagt: "Wir haben unseren Eltern diese Interpretation unter die Nase gehalten und das hat uns vor einer lieblosen Hochzeit mit irgendeinem türkischen Mann bewahrt. Aber es hat nicht nur uns persönlich geholfen, sondern es kursiert inzwischen in der Community und auch bei sozialen Diensten, die damit arbeiten".

Du kommst gerade aus Indonesien zurück, wo du deinen Film vorgestellt hast. Er heißt "Faith without Fear" – Glaube ohne Angst.
Es ist ein Film über die Reise, die man antritt, wenn man versucht, den Islam mit Menschenrechten und Meinungsfreiheit zu verbinden. Ich gehe darin an verschiedene Orte und begegne dort Kritikern des Reform-Islam. Bei diesen Begegnungen sieht man, was ihre Argumente sind und was ich darauf antworte. Der Film beginnt in Jemen, dem Land, wo der Islam im 8. Jahrhundert seinen Ursprung hatte und wo heute 99 Prozent der Frauen eine Burka tragen – obwohl es kein Gesetz gibt, das das vorschreibt. 

Und mit diesem Film tourst du nun durch die Welt. Wie sind die Reaktionen?
Der Star des Films ist meine Mutter. Deshalb ist sie mit mir durch verschiedene amerikanische Städte gereist, wo wir den Film gezeigt haben, bevor er dann im Fernsehen lief. Auch in Detroit – der Stadt mit dem höchsten Araber-Anteil der Bevölkerung – war sie dabei. Während der Vorstellung wurde ich beschimpft und verflucht, aber als alle Kameras und Mikrofone ausgeschaltet waren, kam eine Gruppe junger Leute, Mädchen und Jungen, zu mir und meiner Mutter und sagten: "Danke!" Meine Mutter fragte: "Warum bedankt ihr euch erst jetzt? Warum habt ihr das nicht gemacht, als die Kameras noch an waren? Es hätte anderen Moslems so viel Mut gemacht!" Und sie haben geantwortet: "Mrs. Manji, Sie können jetzt hier rausspazieren, aber wir leben hier, und wenn wir Irshads Projekt öffentlich unterstützen würden, würden wir unsere Familien entehren." Das sind Leute der dritten Generation, die so etwas sagen! Die sind nicht in der arabischen Stammesgesellschaft aufgewachsen, sondern mitten in Amerika!

Du nutzt das Internet sehr stark.
Es bietet enorme Möglichkeiten, um Verbote zu umgehen. Kurz nachdem mein Buch erschienen war, schrieben mir zum Beispiel einige junge Moslems aus dem Mittleren Osten. Sie fragten: "Wann wird dieses Buch auf Arabisch erscheinen, damit wir diese Ideen mit unseren Freunden teilen können?" Ich habe geantwortet: "Seid ihr verrückt? Nennt mir einen arabischen Verlag, der dieses Buch publizieren würde." Sie schrieben zwei Worte zurück: "So what?!" Ich stellte den Text also auf meine Website in Arabisch, Farsi und Urdu zum freien Download. Seitdem ist er eine halbe Million mal runtergeladen worden.

Wie erklärst du dir dieses große Interesse?
Es gibt so viele Muslime, die den Islam reformieren und erneuern wollen. Ich bin sicher, dass sie das größte Stück vom muslimischen Kuchen ausmachen. Aber viel zu viele von ihnen haben Angst, ihre Gedanken auszusprechen. Es ist mein Job als öffentliche Figur in der islamischen Reformbewegung, ihnen Mut zu machen, aus dem Schatten zu treten und sie dazu zu bringen, laut und deutlich zu sagen: Ja, ich bin ein fortschrittlicher Muslim, der Reformen will!

Ist dir das schon gelungen?
Eine Journalistin vom New York Magazine, die ein halbes Jahr in Syrien, Jordanien und dem Libanon verbracht hat, um dort über Ehrenmorde und andere Ehrverbrechen zu recherchieren, hat mir erzählt: "Wenn ich die jungen Frauen gefragt habe, woher sie den Mut nehmen, diese Tabuthemen anzusprechen und dagegen zu kämpfen, haben viele dein Buch genannt. Einige kamen zum Interview mit einem Ausdruck deines Buches in der Tasche, den sie runtergeladen hatten."

Was antwortest du Frauen wie Ayaan Hirsi Ali oder Taslima Nasreen, die den Islam für grundsätzlich nicht reformierbar halten?
Ich würde ihr antworten: Triff dich mit dem Mädchen mit dem pinkfarbenen Kopftuch und sag ihr, dass der Islam nicht reformierbar ist. Sag es den 500.000 Leuten, die das Buch runtergeladen haben. Ayaan glaubt, dass sie nicht das Bedürfnis nach Veränderung haben. Das halte ich für extrem unfair. Das ist eine Art Bigotterie der geringen Erwartung. Ich habe natürlich überhaupt nichts gegen Atheismus – ich pflege immer zu scherzen: "Gott schütze die Atheisten" –, aber ich halte es für falsch, wenn Atheisten unterstellen, dass sich Glaube und Rationalität gegenseitig ausschließen. Ayaan und Taslima tun das, was sie tun und ich tue das, was ich tue – und ich denke, dass wir es mit dem selben Ziel tun.

Du hast Morddrohungen erhalten.
Ich bin ja Muslimin, und wenn ich den Mund aufmache, beschimpft mich wenigstens niemand als Rassistin, Neo-Kolonialistin oder Imperialistin. Okay, für mich finden sie viele andere Begriffe oder werfen mir Selbsthass vor, aber meiner Meinung nach sind es fortschrittliche Nicht-Muslime wie Alice Schwarzer, die den größten Mut haben. Weil das, wovor die Menschen die meiste Angst haben, doch ist, sich in ihrer eigenen Community unbeliebt zu machen. Und wenn jemand das Schweigen darüber bricht, dass im Namen einer anderen Kultur Menschenrechtsverletzungen begangen werden und damit sogar die Leute gegen sich aufbringt, die sich für progressiv, gut und tolerant halten, dann ist das sehr mutig. Es ist so viel schwerer, seine eigene Gesellschaft gegen sich aufzubringen als gegen einen Gegner zu kämpfen, der außerhalb steht. Aber das ist eben die Qualität, die es braucht, um die Welt zu verändern.

Könnten wir zusammen mehr erreichen?
Natürlich! Fortschrittliche Muslime und fortschrittliche Nicht-Muslime brauchen einander. Denn wir reformwilligen Muslime können diese Schlacht nicht allein gewinnen. Aufgeklärte, solidarische Nicht-Muslime spielen dabei eine wichtige Rolle. Doch immer wieder kommen welche zu mir und sagen: "Irshad, ich würde dich wirklich wahnsinnig gern unterstützen bei deiner Idschtihad-Kampagne, aber du weißt ja: Wenn ich das tue, werde ich als Rassist beschimpft, weil ich meine Nase in die Angelegenheiten anderer Kulturen stecke."

Und was antwortest du darauf?
Ich sage: Stell die Behauptung in Frage, dass es um die Angelegenheiten von jemand anders geht! Wenn du daran glaubst, wie ich es tue, dass jedes Wesen auf Gottes grüner Erde das Recht auf ein Leben in Freiheit und ohne Gewalt hat, dann sind Menschenrechte universell. Und weil du eben Teil dieses Universums bist, ist es dann auch deine Angelegenheit, wenn Musliminnen dieser Freiheit beraubt werden. Deshalb ist es so wichtig, dass sich auch Nicht-Muslime in diese Debatte einmischen, die die Menschenrechte verteidigen wollen – und nicht nur die, für die alle Moslems Terroristen sind.

Feministinnen, die sich in diese Debatte einmischen, wirft man gern vor, sich mit den Konservativen gemein zu machen ...
Warum dreht man die Sache nicht um? Man wirft diesen Feministinnen vor, rechts zu sein. Warum macht man den Rechten nicht den Vorwurf, feministisch zu sein? (lacht) Im Ernst: Liebe LeserInnen aus der westlichen Welt, bitte akzeptiert es nicht, wenn muslimische Frauen euch erzählen, dass es für sie ein Zeichen von Würde ist, das Kopftuch oder die Burka zu tragen. Wenn mir Musliminnen sagen: "Wir tragen die Burka, weil wir keine Sexualobjekte sein wollen", dann antworte ich: Ach tatsächlich? Indem ihr euch verschleiert, transportiert ihr doch die Botschaft, dass euer ganzer Körper ein Genital ist. Das Signal an Männer lautet also: Mein ganzer Körper ist sexuell. Wie könnte man sich stärker als Sexualobjekt präsentieren? Und außerdem, sage ich ihnen, beleidigt ihr auf gewisse Weise auch die Männer, indem ihr ihnen unterstellt, dass sie zu schwach seien, ihr Verhalten zu kontrollieren. Als ob sie Tiere wären, die nur von ihren Trieben geleitet sind. Dieses Prinzip "Weil wir den Männern nicht trauen, müssen wir diese Bürde auf uns nehmen" ist also eine doppelte Beleidigung: eine gegen die Frauen und eine gegen die Männer.

Plädierst du für ein Verbot?
Ich würde Frauen das Recht, Kopftuch oder Burka zu tragen, nicht nehmen. Aber ich bestehe auch auf meinem Recht zu sagen, dass sie sich, indem sie sich verschleiern, zu wandelnden Plakatwänden für den größten Chauvinismus machen, den man sich vorstellen kann. Ich sage also: "Du trägst das Kopftuch oder die Burka? Gut, das ist deine Entscheidung. Aber meine Entscheidung ist, nicht den Mund darüber zu halten, was das bedeutet." Das ist für mich der Unterschied zwischen Pluralismus und Relativismus. Relativisten sind Leute, die für alles benutzt werden können, weil sie für nichts stehen.

 
Druckversion Druckversion | Sitemap
P.Weidlich