Kritische Gedanken zu meiner Religion

 

30.5.2015

Der Artikel vom Landpfarrer Stefan Jürgens gibt mir sehr zu denken:

 

25. Oktober 2014

Schluss mit der Heuchelei!

 

Ideal und Wirklichkeit

 

Sie liegen miteinander im Dauerstreit: Ideal und Wirklichkeit. Die sich streitenden Hauptvertreter dieser Richtungen heißen Platon und Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin, Ratzinger und Metz, Müller und Kaspar. Man könnte die Liste beliebig erweitern. Die einen orientieren sich am Ideal der ewig gültigen Wahrheiten, die anderen sehen, dass es keine Dogmatik ohne Geschichte geben kann. In eine idealisierte Kirche passen nun einmal nur idealisierte Menschen; die konkrete Kirche jedoch besteht aus konkreten Menschen. Und wer die Menschen nicht zunächst so akzeptieren kann, wie sie sind, überfordert sich selbst und andere.

 

Ewige Wahrheiten oder konkrete Geschichte? In diesem Spannungsfeld fand kürzlich die Bischofssynode in Rom statt. Walter Kasper hatte schon vor einiger Zeit auf Bitten von Papst Franziskus eine bemerkenswerte Rede gehalten, in der er einerseits die Sakramentalität der Ehe betont, andererseits aber das konkrete Leben der Menschen berücksichtigt, in dem es eben auch Scheitern gibt. Die Kirche müsse die Menschen, die sich haben scheiden lassen und dann wieder heiraten, begleiten und ihnen Alternativen anbieten, damit sie nicht aus der Kommunion- und damit aus der vollen Kirchengemeinschaft heraus fallen.

 

Dagegen formierten sich die konservativen Kräfte, angefangen bei Gerhard-Ludwig Müller. Ein offener Meinungsaustausch im Vatikan – oder schon ein offener Kampf? Wie man hört und liest, muss die Atmosphäre unter den Bischöfen recht gut gewesen sein, jeder ist zu Wort gekommen, viele sprachen von Barmherzigkeit. Es gab jedoch auch Gemeinheiten und Intrigen. Ob man demnächst einen Kompromiss finden wird? Wenn der Papst diesen Kampf nicht gewinnt, hat er verloren. Unwillkürlich denkt man an das Apostelkonzil (vgl. Apg 15, Gal 2), in dem Paulus weltoffen-liberal auftritt, Jakobus rückwärtsgewandt-konservativ, und Petrus – nach einigem Herumlavieren, weswegen er von Paulus gemaßregelt wird – kompromissbereit. Interessant: Ohne Paulus wäre die Kirche eine kleine Sekte geblieben, die wohl längst in Vergessenheit geraten wäre; heute sind viele ängstlich-konservative „Kirchenfürsten“ dafür verantwortlich, dass die Kirche wieder ins Ghetto geht, in die fromme, aber gesellschaftlich gesehen bedeutungslose Nische.

 

Ewige Wahrheiten oder konkrete Geschichte? Wenn Neuscholastiker die Realität in ihren Ideenhimmel zwingen wollen, tun sie dem konkreten Menschen Gewalt an. Selbstverständlich brauchen wir Ideale. Wer kein Ziel hat, geht nicht los und kommt nirgendwo an. Ein Ideal soll mich freundlich weiterleiten; wenn es mich jedoch überfordert, macht es krank. Ein hohes Ideal kann beide Seiten überfordern: Diejenigen, die es aufstellen, macht es womöglich zu selbstgerechten Richtern über andere oder gar zu Heuchlern, und denjenigen, die es nicht erreichen, nimmt es den Mut, es raubt einem die Nerven und beraubt einem seiner Würde. Deshalb ist es besser, das konkrete Leben der Menschen mitzubedenken, wenn es um die Lehre der Kirche geht. Das bedeutet nicht, allein der normativen Kraft des Faktischen zu gehorchen; es bedeutet aber, die Menschen ernst zu nehmen. Sie wünschen sich Seelsorge, nicht dogmatische Rechthaberei.

 

Die konservativen Kräfte sagen: Was die Unauflöslichkeit der Ehe angeht, so gilt das Wort Jesu. Dieser habe das Gesetz des Mose eindeutig radikalisiert und ein absolutes Scheidungs- und Wiederverheiratungsgebot erlassen (Mt 5,32). Jesus sagt: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mk 10,9). Allerdings lesen wir auch die Einschränkung: „Wenn kein Fall von Unzucht (porneía) vorliegt“ (Mt 5,32). Wenn also ein Ehepartner betrogen worden ist, muss man ihn dann auf sein Ja-Wort buchstäblich festnageln? Muss man ihm nicht die Freiheit zugestehen, wenn die Ehe endgültig gescheitert ist, mit einem anderen, treuen Partner durchs Leben gehen zu dürfen? Darf man, anders gewendet, Ehepartnern, die aneinander schuldig geworden sind, ihre Schuld ein Leben lang – und noch dazu öffentlich – nachtragen? Wäre es nicht viel biblischer, weil barmherziger, eine neue Ehe zuzulassen? Schließlich sind die Bischöfe bei der Auslegung anderer Jesusworte sehr viel großzügiger, nämlich dort, wo es um ihre eigene Macht und Autorität geht (Beispiele: Amtseid gegen Mt 5,34 oder die klerikalen Eitelkeiten gegen Mt 23,8-12). In der Ostkirche gibt es für den Fall, dass eine Ehe gescheitert ist, eine Praxis der Barmherzigkeit; über die neue Ehe wird doch zumindest ein Segen gesprochen. Gute und verantwortungsvolle römisch-katholische Seelsorger praktizieren dies schon seit langem, wenn auch nur in Seitenkapellen und Hinterzimmern, laufen dabei aber Gefahr, gemaßregelt zu werden.

 

Den Bischöfen als den Nachfolgern der Apostel ist die Binde- und Lösegewalt übertragen worden (vgl. Mt 16,19; 18,18). Diese beinhaltet ihre Pflicht, die Lehre der Kirche zu verändern, wenn dies die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erforderlich machen. Beim Scheidungsverbot Jesu (vgl. Mt 5,32) ging es ursprünglich um den Schutz der Frau. Auch die in Mt 18,17 angesprochene Exkommunikation hatte die Wiederaufnahme des Sünders zum Ziel, nicht dessen öffentliche Herabwürdigung. Heute sind – zum Glück! – nicht mehr alle Frauen und Männer allein aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, in einer unerträglichen Ehe auszuharren. Liebe und Abhängigkeit passen nicht zusammen, denn Liebe gibt es nur in Freiheit. Und nur in Freiheit kann die Liebe von Menschen ein Zeichen der Liebe Gottes sein: ein Sakrament!

 

Manchem konservativen, idealisierenden Kleriker jedoch verschafft es offenbar eine gewisse Befriedigung, vom Standpunkt des Selbstgerechten auf diejenigen herabzuschauen, die im Licht der „reinen Lehre“ zu den angeblich Gescheiterten gehören; die „reine Lehre“ wird dabei nur instrumentalisiert, um sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Im Neuen Testament heißen diese Leute Schriftgelehrte und Pharisäer. Als sie Jesus dem Tod auslieferten, hatten sie das sehr fromme Gefühl, Gott damit einen heiligen Dienst zu erweisen. Denn sie hatten denjenigen, der sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch gesetzt, also die Grenzen des Erlaubten überschritten hatte, im Namen ihrer damaligen „reinen Lehre“ korrekt verurteilt. Man verzeihe mir diesen Zynismus, aber er drängt sich geradezu auf.

 

Es geht allein um Macht

 

Ich habe den Eindruck: Worum es den Konservativen in Rom und anderswo wirklich geht, ist gar nicht so sehr die Wahrheit Gottes als vielmehr ihre eigene Macht. Nachdem die Kirche im Laufe der Jahrhunderte fast alle weltliche Macht verloren hatte, hat sie ihre geistliche Macht bis fast ins Unermessliche zu steigern versucht, vor allem durch die Betonung der Individual- und der Sexualmoral, bei der man sich sogar in eine gewisse detailverliebte, stark normierte „Unterleibstheologie“ verstrickt hatte, die durchaus Rückschlüsse auf die psychische Verfasstheit und die sexuelle Phantasie ihrer Urheber zulässt (vgl. Grün/Dufner, Gesundheit als geistliche Aufgabe, Würzburg 2005, S. 93ff.). Der absolute Gipfel (im Doppelsinn des Wortes) dieser anmaßenden geistlichen Macht war übrigens das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes, ein quasi ins Pathologische hin übersteigerter Klerikalismus; psychologisch betrachtet eine kindische Trotzreaktion auf den Verlust weltlicher Macht.

 

Seit „Humanae Vitae“ beansprucht Rom die alleinige Hoheit über die Individualmoral – unter Missachtung der Kollegialität der Bischöfe und der pastoralen Situation verschiedener Teile der Weltkirche; dies mag mit Papst Franziskus, der immer wieder die Kollegialität und die Eigenverantwortung der Ortskirchen einfordert, anders werden. Es fragt sich nur, wann. Seit „Humanae Vitae“ werden das Gewissen und die Verantwortung der Eheleute weit weniger betont als deren Unterwerfung unter die Lehre der Kirche. Wer heute noch ewige, zeitlose Wahrheiten verkündet, wer das Leben der Menschen in die „reine Lehre“ zwingen oder ihnen allzu viele Detailvorschriften machen will, geht nicht nur an der Realität vorbei; er beansprucht vielmehr eine Macht über die Seelen der Menschen, die niemandem gut tut.

 

Schade, dass man den Kairos längst hat verstreichen lassen: Selbst wenn die Fortsetzung der Bischofssynode 2015 in Rom zu einem wirklich pastoralen Ergebnis kommen und beispielsweise den wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion- und damit die volle Kirchengemeinschaft gewähren würde – der Zug ist für viele längst abgefahren, es ist zu spät, denn aus Enttäuschung über ihren Dogmatismus und Moralismus haben viele die Kirche schon verlassen. Dem überwiegenden Teil des so genannten Kirchenvolkes ist es mittlerweile völlig gleichgültig, was die Bischöfe denken, denn offenbar ist es den Bischöfen ja auch schon seit Jahrzehnten egal, was das Kirchenvolk denkt. Die Entfremdung ist eklatant und nicht mehr zu heilen.

 

Die Ursünde der Kirche: Klerikalismus

 

Die Ursünde des Menschen ist: sein wollen wie Gott. Die Ursünde der Kirche ist der Klerikalismus, denn hier maßen sich Menschen im Grunde genommen dasselbe an, indem sie zwar nicht Gott, aber doch zumindest seine Stellvertreter sein wollen und dabei so tun, als würden sie – und nur sie – seinen Willen genau kennen. Tatsächlich: Das eigentliche Problem der Kirche ist der Klerikalismus. Klerikal ist dabei nicht eine bestimmte Theologie oder Kleidung, sondern ein autoritärer, paternalistischer Umgang mit Macht, ein in der Postmoderne geradezu lächerlich wirkendes absolutistisch-monarchisches Auftreten sowie ein an archaisch-magische Schamanen erinnerndes Erwählungs- und Sendungsbewusstsein.

 

Männerbündische Seilschaften pflegen ihren Korpsgeist und maßen sich an, ganz allein das Wissen und das Recht zu besitzen, über andere Menschen befinden zu können. Dabei stecken sie selbst voller Unwahrhaftigkeiten und Heuchelei. Ihnen sagt Jesus: „Blinde Führer seid ihr“, und: „Ihr seid wie die Gräber, die nach außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung“ (Mt 23,24.27). Auch Papst Franziskus zitiert dieses Kapitel des Matthäusevangeliums, in dem Jesus mit dem damaligen religiösen Establishment abrechnet, und ergänzt: „Der Traum Gottes kollidiert stets mit der Heuchelei einiger seiner Diener.“ Weil sie „den Menschen schwere Lasten aufbürden, aber selber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen“ (Mt 23,4). Sie predigen Wasser und trinken ziemlich guten Wein.

 

Bei den meisten Christen blieb der Glaube über Jahrhunderte entwicklungsmäßig in den Kinderschuhen stecken. Unreife und angstbesetzte Religiosität jedoch ist meistens die Ursache für Klerikalismus. Wo eine Gemeinde oder eine Diözese ihren Leiter als skurrilen Schamanen erlebt und sogar akzeptiert (Klerikalismus von unten) und wo ein Geweihter sich selbst von den so genannten Laien abgrenzen muss, um seine wankende Identität zu stärken oder gar die eigene Unsicherheit zu verstecken (Klerikalismus von oben), entstehen Misstrauen und Angst.

 

Das magisch-klerikale Amtsverständnis, das nicht biblisch-christlich, sondern eher archaisch-magisch daherkommt, ist meines Erachtens das Hauptübel in der katholischen Kirche; die Sakralisierung des Amtes, seine spirituelle Überhöhung im Sinne einer religiösen Mittlerschaft überfordert den jeweiligen Amtsträger maßlos und ist letzten Endes Ursache vieler weiterer menschlicher Katastrophen. Das so genannte ontologische Amtsverständnis hat gegenüber dem eher funktionalen den Nachteil, dass es dem heidnischen Kultpriester zum Verwechseln ähnlich sieht; der große Hang zum Numinosen, der darin liegt, ist nun einmal nicht christlich, auch wenn manche Traditionalisten dies bedauern mögen.

 

Autorität gewinnt ein Mensch ausschließlich durch seinen Charakter, seine Haltungen und Werte, seinen wertschätzenden Umgang mit Menschen sowie seine fachliche Kompetenz. Wer jedoch allein aufgrund seines Amtes Autorität beansprucht, wird menschlich scheitern. Wer nicht argumentieren und andere in seine Überlegungen mit einbeziehen kann, wer nicht kritik- und damit korrekturfähig ist, sollte kein Leitungsamt anstreben.

 

In vielen Kirchengemeinden und manchen Diözesen habe ich es so erlebt: skurrile einsame Entscheidungen, Angst vor einem Dialog auf Augenhöhe, Unberechenbarkeit aufgrund von Machtgehabe und Willkür, „Pfarrherren“ als allzuständige Überväter, Profilierung und Spiritualisierung des Klerus durch plumpe Abwertung anderer pastoraler Berufe und Berufungen. Solche Kleriker können nicht mehr zuhören, sie reden ständig von sich selbst, konkurrieren miteinander über theologische Spitzfindigkeiten und spielen einander spirituelle Tiefe vor.

 

Schnell wurde mir auf meinem eigenen Berufungsweg klar: So möchte ich es nicht machen, so möchte ich niemals werden! Befreiend war für mich die Erkenntnis, dass der Amtsträger nur Darsteller und Repräsentant ist, nicht jedoch Stellvertreter Gottes oder herausgehobener Chef. Als entlarvend empfand ich in diesem Zusammenhang die psychologische Erkenntnis, dass jede Art von Autoritarismus persönlichen Minderwertigkeitsgefühlen entspringt. Wie mögen angesichts dessen manche Bischöfe und Priester in ihrem Innern sein? Muss man sich etwa autoritär geben, weil man innerlich ganz klein und ängstlich ist? Wie mag die Gottesbeziehung solcher Menschen in ihrem tiefsten Kern wirklich aussehen? Meine Erfahrung ist: Wer sich von Gott geliebt weiß, kann lieben. Er hat nichts zu befürchten und nichts zu verlieren. Er muss nicht auf seine Autorität pochen, weil er demütig genug ist, zu wissen: Ich bin von innen sowieso viel kleiner als von außen. Papst Franziskus weiß das – und gerade das macht ihn so glaubwürdig!

 

Ideal und Wirklichkeit

 

Die Kirche hat hohe Ideale. Sie muss jedoch endlich in der Realität ankommen, muss herunter kommen vom Elfenbeinturm des selbstverliebten, weltfremden Klerikalismus. Die Menschen wünschen sich keine Bevormundung, sondern Seelsorge. Man darf die Kirchenkrise nicht mit der grundlegenden Glaubens- und Gotteskrise der Postmoderne kleinreden oder gar zu entschuldigen versuchen, nur um sich selbst nicht ändern zu müssen.

 

Viele Diözesanforen, Dialogprozesse und „Synoden“ dienten bisher nur dazu, aufmüpfige Laien zu beschäftigen und dadurch zu beruhigen; sie waren (auf gut Westfälisch) nichts weiter als ein „Döksken für’t Auge“ und haben schon allein deshalb nichts gebracht, weil sie nichts bringen sollten. Man hat über alles geredet und nichts entschieden, man hat jeden Reformgedanken wegspiritualisiert, außer Spesen (und viel Papier) nichts gewesen. Am Schluss kommt immer ein Veto – oder das Vergessen.

 

Die Kirche wird so lange ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, wie sie paternalistisch und monarchisch regiert wird; sie braucht synodale und demokratische Strukturen, wirkliche Mitbestimmung und Transparenz. Wie will sie sonst Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes unter den Menschen sein? Für die vielen Kirchenaustritte der letzten Zeit waren Bischöfe und Priester vielleicht nicht der alleinige Grund, aber sehr wohl der Anlass. Gott sei Dank glaube ich an Jesus Christus. Ich glaube an ihn dank, mittels und trotz der Kirche. Sonst wäre ich womöglich schon selber ausgetreten. Ich bleibe – um Gottes willen.

 

 

Rechtgläubigkeitserklärung (ist nach meiner Erfahrung heutzutage nötig): Diese zugegeben scharf formulierten Gedanken stellen meine persönliche Wahrnehmung und Meinung dar und stammen nicht unmittelbar aus meinem Verkündigungsdienst als Pfarrer. Gleichwohl fühle ich mich durch Papst Franziskus ermutigt, meine Meinung als Christ mit Freimut zu äußern.

Eingestellt von Stefan Jürgens um 20:48

 

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