Kampf ums Überleben

Ein Knall aus naher Ferne weckt mich. Erschreckt umklammere ich meine Kipplaufwaffe. Mein Blick streift über die Wiesen linker Hand und rechts am Waldrand entlang. Hundert Meter weiter sitzt Gunthi auf ihrem Rucksackhocker, die Waffe quer auf den Knien, die Mütze tief in die Stirn gezogen. Kurzen Eisregenkälteattacken widersteht sie gelassen, weil ihre neue Weste und die Socken beheizbar sind, steuerbar über ihr Smartphone, und ihre Nano-Jacke Regentropfen einfach so abperlen lässt.

Plötzliches Hundegebell etwa 300 Meter entfernt peitscht meinen Adrenalinspiegel in die Höhe. Bitte, liebe Göttin, lass sie kommen, flehe ich Diana an, direkt vor meine Büchse! Und lass mich treffen, auf den Punkt, damit sie liegen!

Diana antwortet nicht, stattdessen entfernen sich die jagenden Hunde. Plötzlich ist wieder alles still. Schade, denke ich, ein wenig enttäuscht. Das ist eben Jagd, tröste ich mich. Warum sollen die Sauen denn ausgerechnet bei mir aus dem Wald brechen? Gefühle der Resignation und Hoffnung wechseln einander ab.

Schade, der Fuchs mit seinem dichten hellbraunen Fell ist zu weit, hinter ihm eine Herde neugieriger Kühe. Lass es, ermahne ich mich.

Auf ein hoch flüchtiges Reh, das genau zwischen Gunthi und mir aus dem Wald stürmt, können und wollen wir beide nicht schießen.

Ich sitze auf der herunterklappbaren rückwärtigen Tür meines Geländewagens, Flo hat sich in die Decken ihrer Hundekiste eingerollt. Ein kleiner Schwarm Kraniche fliegt mehrmals  über die Baumkronen des Waldes, ähnlich wie Drohnen, und trompeten lautstark, so, als wollen sie das Wild im Wald vor den Jägern warnen.

Ich denke an Dietmar, der uns beide zur Drückjagd auf Sauen hier in Brandenburg, östlich der Elbe, eingeladen hat.

„Damals, als ich noch Jungjäger war, hast du mich eingeladen, obgleich ich dich nicht hätte wiedereinladen können“, erklärte mir Dietmar, und lachte, als er mich an die Käsesuppe erinnerte, die die damalige Haushälterin uns Jägern serviert hatte. Dietmar, heute Hegeringleiter von Steinfurt, blies mit seinen Jagdhornbläsern zum Auftakt des „Brunnenfestes“ in Borghorst. So lernte er Gunthi als Vertreterin der CDU kennen. Seit diesem Treffen bläst sie in der Gruppe mit.

Die gemeinsame Leidenschaft zur Jagd stärkt unsere Freundschaft. Wir beide werden zur Jagd rund um Borghorst oder in Brandenburg eingeladen. Einstein ist allerdings außen vor.

 

Mehrere Schüsse reißen mich aus meinen Tagträumen. Die Waffe fest im Griff, strafft sich mein Körper. Horchen, ob das Hundegebell lauter wird, Blicke über die Wiesen. Wieder ein Fuchs, wieder zu weit! Nichts. Die Kraniche kreisen, schnattern, trompeten. Der gefühlte Eisregen wird stärker. Ich verziehe mich ins Auto. Flo sieht mich an, als wolle sie sagen: „Bist du aus Zucker, stell‘ dich nicht so an! Und wenn was kommt?“ Kann es sein, denke ich, dass dieses kleine Hündchen mir ein schlechtes Gewissen macht?

„Hahn in Ruh‘“, klingt es von Ferne. Die Jagd ist vorbei.

Gunthi steigt zu mir ins Auto, wir fahren zum Sammelplatz.

Rückwärts fahre ich nahe an den von Fichtenzweigen umrahmten Platz, auf den das erlegte Wild nach und nach gelegt wird. Vier Reviere sind revierübergreifend bejagt worden. Zwei große Holzfeuer lodern. Insgesamt werden sechzig Sauen und vierzig Rehe neben einander gelegt, ausgeweidet, belüftet, streng nach Hygienevorschriften, und versehen mit dem letzten Bissen, auf der rechten Seite liegend, wie es die Tradition gebietet.

 

Zur Ehre der erlegten Kreaturen erklingen die Totsignale auf den Plesshörnern.

Die Signale „Jagd vorbei“ wie das Halali beenden eine zutiefst emotionale Haltung.

 

Wenn ich, wie alle anderen Jäger, meinen Hut während der Hornklänge abnehme, ihn vor die Brust halte  und dem letzten Ton lausche, wie er sich über das erlegte Wild, über die mitsingenden Jagdhunde, die schweigende Jägerschaft durch den aufsteigenden Nebel über den Wald erhebt und sich im Nichts verliert, wird mir die Liebe zur Natur, zur Jagd und zu den vielen Gleichgesinnten bewusst.

 

Gleichgesinnten?

Ja, Menschen, die sich nicht haben verbiegen lassen vom ideologischen Irrsinn.

Dietmar, Gunthi und Silberlocke in Brandenburg

Flo beschnuppert eine Sau

Vor mir steht Brauni, ein Dt. Kurzhaar Rüde. Er bettelt nicht, hat aber Wind von meiner Erbsensuppe und den Würstchen bekommen und denkt, dass er doch etwas, ein kleines Stück wenigstens, abbekommen könnte.

Ein fragender Blick zu seinem Herrchen. Ein kaum vernehmbares Nicken. Langsam, bedächtig nimmt Brauni die Wurstscheibe aus meiner Hand.

 

Zufällig höre ich, wie ein Jäger Christian für seinen Einsatz lobt:

„Danke, dass du die starke Sau abgefangen hast! Wir konnten wegen der Hunde keinen Fangschuss antragen!“

Abfangen? Das hört sich so einfach an! Wie aber hat er es tatsächlich gemacht?

Bereitwillig, auch mit ein wenig Stolz, schildert Christian die Situation:

„Eine nicht führende Bache, angeschossen, hat sich in das Dornengestrüpp geschoben. Brauni stellt sie. Der Jäger kann nicht schießen. Ich wühle mich durch das Gestrüpp, springe auf die Sau und stoße ihr das Messer ins Herz!“

Unglaublich, denke ich. Das klingt so einfach, so männlich, so archaisch. Ich hätte mich das nicht getraut, auch als junger Kerl nicht!

 

„Mit 15 Jahren schon hat es mich gereizt, an den Jagden als Treiber teilzunehmen“, antwortet Christian auf meine Frage, seit wann er den Mut aufgebracht habe, den direkten Kontakt zu den Wildschweinen zu suchen. „Mich macht es wütend, wenn eine Sau angeschossen unnötig leiden muss. Der Schuss muss sofort tödlich sein!“

 

„Hast du denn keine Angst?“

 

„Angst, nein, aber Respekt! 

 

Vor einem Jahr wäre ich mit meinen 34 Jahren beinahe totgemacht worden.

Brauni hat mir damals das Leben gerettet.“

 

Während er die Geschichte erzählt, krault er seinem Hund hinterm Ohr. Diese innige Bindung berührt mich zutiefst.

 

„Brauni hatte einen angeschossenen Keiler gestellt,  vier weitere Hunde umkreisten ihn. Mein Hund beißt eigentlich nicht zu, er stellt das Wild nur.

Ich sprang auf den Rücken des Keilers. Der bäumte sich voller Wut hoch, schleuderte mich runter gegen einen Baum. Ich verlor das Messer. Der Keiler griff mich an.

Ich sah das Weiße in seinen Augen und dachte: Jetzt macht er dich kalt!

In diesem Augenblick packte Brauni ihn an der Keule. Der Keiler fuhr herum, stürzte sich auf Brauni.

Die Hunde wichen zurück und griffen wieder an. Ich konnte das Messer hochnehmen, traute mich aber nicht, dem Keiler zu folgen, einem hundertkilo Keiler!

Diese Mischung aus Angst, Respekt und dem Willen zu überleben, bremsten mich aus!“

 

„Was ist aus dem Keiler geworden?“

„Einige Minuten später wurde er vom Pächter erlegt!“

Christian Kielblock (35 J.) mit seinem Brauni

 

Dieser Kampf ums Überleben umfasst nicht nur die Jagd mit all‘  ihren Schattierungen, er zeigt sich im alltäglichen Leben, wenn es darum geht, Intrigen zu begegnen, Faulheit in Leistung umzuwandeln und den Mut zu haben, seine Meinung mitzuteilen.

 

 

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P.Weidlich